Salamanca-Manifest der spanischen Germanistik

 

Vom 24. bis 26. Oktober 2002 diskutierten auf einem Germanisten-Kongress in der 1218 gegründeten Universität Salamanca (Spanien) 112 Germanistinnen und Germanisten aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Portugal, der Schweiz und Spanien, über Bilanz und Perspektiven der spanischen Germanistik. In der Abschlusssitzung vom 26.10.2002 wurde in Salamanca verabredet, als Zusammenfassung der Tagungsergebnisse und als künftige Diskussionsbasis dieses Salamanca-Manifest der spanischen Germanistik zu veröffentlichen:  

1. Die Germanistik sieht sich wie generell die Geisteswissenschaften seit Jahren unter einem zunehmenden Legitimationsdruck, der mit der Krise der Universität als Institution und den schwächer werdenden Studentenzahlen zusammenhängt. Dieser Legitimationsdruck sollte konstruktiv zu einer kritischen Reorientierung sowohl der Germanistik wie auch der anderen Philologien genutzt werden.

2. Der Legitimationsdruck äußert sich besonders in der Frage nach dem unmittelbaren gesellschaftlichen Nutzen der Germanistik und führt zu oft hastig entworfenen berufspraktisch orientierten Studienplänen oder Curricula. Wie sich aber auch bei den anderen Philologien immer wieder erweist, sind die möglichen Berufswahlen der Studierenden, vom traditionellen Lehrberuf abgesehen, kaum vorhersehbar. Anstelle einer kurzatmigen Orientierung an jeweils aktuellen, meist sehr speziellen Praxisanforderungen sollte sich die Germanistik auf das besinnen, was sie über ihre Gegenstände wissenschaftlich fundiert vermitteln kann und wie sie dies auf ein möglichst breites Anwendungsspektrum hin tut. Sie sollte also auf die Vermittlung eines soliden Grundwissens zielen, an das wissenschaftliche und berufsorientierte Spezialisierungen anknüpfen können.

3. Die von der jeweiligen Perspektive abhängige Unterscheidung von „Inlandsgermanistik“ versus „Auslandsgermanistik“ ist revisionsbedürftig. Der Unterschied besteht hauptsächlich in den Arbeitsbedingungen, den Ansätzen der Lehre und der Praxis der Vermittlung. Unter diesen Voraussetzungen sollte die spanische Germanistik bemüht sein, eigene selbstständige Wege zu suchen und diese mit selbstkritischer Reflexion zu beschreiten und dabei die Zusammenarbeit mit weiteren Auslands- und Inlandsgermanisten zu fördern. Einige Gebiete, wo dieses möglich und wünschenswert ist, sind folgende:

a)      Forschungsprojekte, in denen die spanischen Germanisten den kontrastiven oder komparatistischen Standpunkt fördern können.

b)      Herstellung von DAF-Materialien.

c)       Zusammenarbeit in Problemgebieten, die Lehre und Forschung betreffen wie die derzeitige Kanondiskussion.

d)       In der Lehre: Förderung des Studenten- und Dozentenaustauschs mit Integration der Lehrveranstaltungen von Gastdozenten in den normalen Universitätsbetrieb.

e)      Bessere Nutzung der schon existierenden Wege: Sokrates, Acciones Integradas, Finanzierung von Forschungsprojekten durch die Ministerien (oder durch die EU).

f)      Organisation von integrierten Studiengängen, in denen die Studierenden jeweils einen Teil des Studiums an einer anderen Universität absolvieren und darauf einen gemeinsamen, doppelten Abschluss ablegen.

g)       Zusammenarbeit bei Doktorandenprogrammen und Doktoratskommissionen, wobei auch die schon im spanischen Hochschulsystem existierenden Möglichkeiten (z.B. Doctorado europeo) genutzt werden sollten.

4. Die zur Zeit stagnierenden Zahlen von Germanistik-Studenten an spanischen Hochschulen müssen durch Maßnahmen aller Art (Werbekampagnen, Sensibilisierung der Politiker, usw.) erhöht werden. Die insgesamt stetig wachsende Anzahl von Deutschlernern an Sprachschulen und anderen außeruniversitären Einrichtungen macht deutlich, dass die deutsche Sprache und die deutsche Kultur in der spanischen Gesellschaft ein hohes Ansehen genießen.

5. Auch die Germanistik sollte zur Umsetzung der EU-Empfehlung, neben der Muttersprache zwei Fremdsprachen zu erwerben (M + 2), beitragen. Deshalb ist es notwendig, dem Deutschen auch als zweiter Fremdsprache oder als Nebenfach (Alemán como segunda lengua y su literatura) eine wichtige Rolle in der Germanistik zuzuerkennen.

6.  Die „präskriptive“ Landeskunde, die sich nicht selten an spanischen Einrichtungen vertreten findet, sollte durch eine stärker auf die spanischen Adressaten abgestimmte Landeskunde ersetzt werden.

7. Das Berufsprofil des Deutsch-Lehrers sollte durch mehr Professionalität bestimmt sein, denn eine allein die Sprachkompetenz im Deutschen anvisierende Ausbildung  ist nicht ausreichend; vielmehr sollte diese durch eine breitere philologische Ausrichtung unter Akzentuierung der DaF-Perspektive im Unterricht ergänzt werden.

8. Die zunehmende Anglifizierung des Lehrangebots und der Forschung in vielen Disziplinen der deutschen Hochschullandschaft  sogar innerhalb der Germanistik muss als eine kurzsichtige Politik angesehen werden. Eine solche an sich schon besorgniserregende Entwicklung hin zu einer immer weiter um sich greifenden „Verdrängung“ des Deutschen aus seinen angestammten Kommunikationsbereichen könnte in Spanien das Interesse daran schmälern, sich auch in Zukunft mit der deutschen Sprache (als meistgesprochener Muttersprache in der Europäischen Union) und der deutschsprachigen Kultur vertraut zu machen.

 

ViSdP: G. Ruipérez u. M. Siguán

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